Stefan Zecha fand klare Worte für die Industriepolitik der Bundesregierung: "Der teilweise faktenfreie Umgang mit Technologien, wie dem Verbrennungsmotor, der als Sündenbock für sämtliche Umweltverschmutzung herhalten muss, ist nur ein Beispiel."

Thema der Woche 4/2020

Warum Präzisionswerkzeuge 2020 attraktiv sind

Stefan Zecha, Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge, bilanzierte das Geschäftsjahr 2019: das erste Minus seit 2009 - aber auch attraktive Signale.

Stefan Zecha, seit letzten Sommer Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge, fasste zur Eröffnung der Jahres-Pressekonferenz in drei Kernaussagen die Lage der deutschen Werkzeugbranche zusammen: Demnach ging die Produktion von Präzisionswerkzeugen im Vorjahr in Deutschland um 7% zurück. Dennoch seien die Präzisionswerkzeuge gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gefragt, weil sie Produktivitätsgewinne ohne große Investitionen ermöglichen. Und: Die wirtschaftlichen Erwartungen der Teilbranchen für 2020 seien unterschiedlich.

Gesamtbilanz des Jahres 2019

"Aktuell gehen wir davon aus", so Stefan Zecha, "dass der Umsatz der Präzisionswerkzeugindustrie 2019 das Rekordergebnis des Vorjahres um 7 Prozent verfehlte." Damit dürfte die Branche einen Gesamtumsatz von rund 10,4 Mrd. Euro für 2019 verzeichnen. Diese Schätzung des VDMA für 2019 liegt demnach 0,8 Mrd. Euro niedriger als der Produktionswert der deutschen Präzisionswerkzeughersteller, der sich 2018 noch auf dem Rekordwert von 11,2 Mrd. Euro summierte. Nach der Krise in 2009 kletterte der Produktionswert von 6,3 Mrd. Euro kontinuierlich bis 2018 und verdoppelte sich nahezu.

Absatzländer: USA und Polen positiv

Als Gründe für den Rückgang führt Stefan Zecha auch Handelskonflikte und die daraus resultierende Konjunkturabkühlung an, die 2019 nicht spurlos an der Präzisionswerkzeugbranche vorbei gingen. Insbesondere der deutsche und der chinesische Markt entwickelten sich deutlich schlechter als erwartet, so Zecha. Auch das Geschäft in den USA blieb insgesamt unter dem Vorjahresniveau, auch wenn einzelne Teilbranchen dort mehr Werkzeuge absetzen konnten.

Medizintechnik und Luftfahrt legen leicht zu

Nach Kundenbranchen analysiert, entwickelten sich die Kundenbranchen 2019 mit deutlichen Unterschieden, berichtet Stefan Zecha. Insbesondere die deutlich geringere weltweite PKW-Produktion, aber auch der Strukturwandel und die generelle Investitionszurückhaltung in der Automobilindustrie schlugen zu Buche. Im Maschinenbau gingen die Umsätze ebenfalls zurück - wenn auch etwas moderater als in der Automobilindustrie. Die Umsätze in den Branchen Medizintechnik und Luftfahrt legten hingegen leicht zu.

Erste positive Signale für 2020

"Seit etwa einem halben Jahr werden wir regelmäßig darauf angesprochen, ob die aktuelle Situation für die Präzisionswerkzeuge-Industrie eine Krise ist. Darauf möchte ich diplomatisch antworten. Eines steht fest", so Stefan Zecha: Für einige Unternehmen der Branche ist die derzeitige wirtschaftliche Phase bereits eine echte Krise und für manche sogar existenzbedrohend. Die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Wachstum noch in diesem Jahr sei derzeit gedämpft. Aktuell fährt der überwiegende Teil der Branche noch Zeitkonten zurück. Bei vielen Unternehmen sei aber bereits Kurzarbeit zumindest in Planung. Frühestens im zweiten Halbjahr könnte die Nachfrage nach Werkzeugen wieder etwas anziehen, dürfte insgesamt aber 2020 noch einmal unter Vorjahresniveau liegen. Die Aussicht für das wichtige Geschäft mit der Herstellung und Erstausrüstung von Werkzeugmaschinen ist nicht gut. Dagegen gibt es in der Automobilindustrie erste Signale, dass die Produktion im Jahresverlauf wieder steigen und die Nachfrage nach Werkzeugen stabilisieren könnte. Allerdings, so Stefan Zecha, ist auch hier die Unsicherheit derzeit noch groß. "Doch im Vergleich zu anderen Branchen, deren Produkte echte Investitionsgüter sind, haben wir den Vorteil, dass Werkzeuge den Kunden die Möglichkeit geben, Produktionsgewinne mit überschaubaren Kosten zu erzielen." Das ist, so Stefan Zecha, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten höchst attraktiv und führt dazu, dass die Konjunkturausschläge in der Präzisionswerkzeuge-Industrie insgesamt verhältnismäßig klein ausfallen.

Wirtschaftspolitik ohne Sinn und Verstand?

"Ich möchte jedoch meine Ausführungen nicht beenden, ohne ein paar Worte über die wichtigsten Themen Technologieoffenheit, Überregulierung, Fachkräfte und Forschung an die Politik gerichtet zu haben, die mir auf den Nägeln brennen: Manchmal kommt es mir vor, als ob in unserem Land Wirtschaftspolitik ohne Sinn und Verstand betrieben würde. Denn es ist nun einmal töricht an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Der teilweise faktenfreie Umgang mit Technologien, wie dem Verbrennungsmotor, der als Sündenbock für sämtliche Umweltverschmutzung herhalten muss, ist nur ein Beispiel." Dabei, so Stefan Zecha, kann ausgerechnet der Dieselmotor – etwa in einem Hybridfahrzeug – dabei helfen, das Klima zu schützen. Und die Emissionen eines solchen Motors sind in erster Linie keine Frage der Motortechnologie, sondern des verwendeten Treibstoffs. "Noch einmal möchte ich dafür plädieren, dass sich die Politik mit Augenmaß um die Rahmenbedingungen kümmern soll, um unsere und die Lebensgrundlagen der zukünftigen Generationen zu erhalten. Aber sie muss, Schuster bleib bei Deinem Leisten, sich aus der Technologiediskussion raushalten und die Ingenieure für die sauberste Mobilität sorgen lassen. Denn es wäre doch viel sinnvoller, wenn wir in Deutschland die Weichen dafür stellten, mit unseren großartigen innovativen Technologien und unseren hervorragenden Ingenieuren die Ideenschmiede und der Lösungsanbieter für die globalen Umweltherausforderungen zu werden, als unsere im weltweiten Maßstab extrem saubere Industrie auf dem Altar eines Öko-Aktivismus‘ zu opfern. Ich sehe auch in der Power2X-Technologie große Potenziale für eine nachhaltige Versorgung der Mobilität mit sauberer und erneuerbarer Energie. Das zweite Thema, das ich ansprechen möchte, ist die mittlerweile in vielerlei Hinsicht unsägliche Überregulierung in Deutschland", betont Stefan Zecha.

Bürokratiemonster belasten schwer mit nicht wertschöpfenden Tätigkeiten

Von der Entsenderichtlinie bis zur DSGVO reichen nach Angaben von Stefan Zecha mittlerweile die Bürokratiemonster, die gerade die kleineren und mittelständischen Unternehmen überproportional schwer mit nicht wertschöpfenden Tätigkeiten belasten. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, die nicht einmal einen messbaren Mehrwert erzielen. "Denn mit den Kundendaten sind wir schon vor der DSGVO verantwortungsvoll umgegangen und alle unsere Mitarbeiter, die wir zu Kunden ins Ausland schicken, sind schon vor der Entsenderichtlinie und der A1-Bescheinigung sozialversichert gewesen. Der einzige Effekt solcherlei Regelungen ist, dass unsere Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt einbüßen und dadurch die Arbeitsplätze weniger sicher werden. Damit komme ich zum wertvollsten was wir haben: den Fachkräften.

Uns allen muss klar sein, dass unser rohstoffarmes Land nur ein echtes Alleinstellungsmerkmal hat, das auf seine Wettbewerbsfähigkeit im weltweiten Wettbewerb einzahlt. Das sind seine hochqualifizierten Facharbeiter. Damit das auch zukünftig so bleibt, brauchen wir zum einen die Unterstützung der Bildungspolitik, um bereits in der Schule mit verpflichtenden MINT-Fächern und dem Schulfach Technik die Grundlagen für ein breites Technikwissen der zukünftigen Generationen zu schaffen." Zum anderen werden viele der deutschen Unternehmen nach Angaben von Stefan Zecha aller Voraussicht nach im Laufe des Jahres darauf angewiesen sein, dass sie auf angemessene Kurzarbeitsregelungen zurückgreifen und die Zeit für die Weiterqualifikation ihrer unersetzlichen Fachkräfte nützen können. "Wenn es notwendig wird, zählen wir darauf, dass die Bundesregierung die Kurzarbeit ähnlich wie 2008 wieder ausweitet.

Weiterer Lichtblick: steuerliche Forschungsförderung

Hoffnung macht hingegen die geplante steuerliche Forschungsförderung, so Stefan Zecha, um die Forschungslücke gerade bei den kleineren mittelständischen Unternehmen zu schließen. Ein entsprechendes Gesetz kann zusätzliche Wertschöpfung sowie die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen erreichen. Voraussetzung ist allerdings, dass auch die Kosten der Auftragsforschung beim Auftraggeber von der Förderung erfasst sind und das vorgeschlagene zweistufige Antragsverfahren vereinfacht wird. "Denn ein weiteres Bürokratiemonster würde niemandem helfen", betont Stefan Zecha.