Image
Foto: Walter AG

Präzisionswerkzeuge

Remote Engineering: „Digital geht alles viel schneller“

Seit 2016 betreibt die Walter AG in Tübingen ihr Technology Center. Im Mittelpunkt stehen Kundenprojekte. Seit einiger Zeit auch mit Remote Engineering.

2017 startete der Werkzeughersteller die digitale Variante seines Technology Center: „Ohne Remote Engineering wäre das alles viel zeit- und kostenintensiver“, betont Technology-Center-Leiterin Dr. Vikki Franke.

Frau Dr. Franke, nach fast vier Jahren Technology Center lässt sich bestimmt schon eine ordentliche Bilanz ziehen: Wie viele Kundenprojekte konnten seit 2016 nur in der Smart Factory realisiert werden und wie vielen Kunden reichte der 2017 von Ihnen eröffnete digitale Weg?

Sehen Sie’s mir nach: Konkrete Zahlen möchte ich nicht nennen. Aber unser Technology Center wird sehr gut von unseren Kunden angenommen. Es ist eine Umgebung zum Lernen, Austauschen, Entwickeln von Lösungen für komplexe Zerspanungsaufgaben. Natürlich bietet es uns auch eine sehr gute Plattform unsere Kompetenz darzustellen. Wir bearbeiten hier Projekte aus den verschiedensten Branchen, von Automobil über die Energiebranche und den allgemeinen Maschinenbau bis hin zur Luftfahrt. Viele Kunden können sich noch nicht vorstellen, wie Remote-Engineering möglich ist, sind aber begeistert, wenn sie die Möglichkeiten sehen, die wir haben. Viele Projekte laufen immer noch vor Ort, aber der Anteil der reinen Remote-Projekte nimmt zu – und in der aktuellen Situation, in der das Reisen schwierig ist, sehen wir natürlich eine vermehrte Nachfrage.

Was war ausschlaggebend für die Standort- bzw. Datenkanal-Wahl?

Das TC stellt das Zentrum unseres Standortes in Tübingen da. Den Standort haben wir gewählt, da hier sehr viele Funktionen bereits angesiedelt sind, die bei der Auslegung von Prozessen für den Kunden, bei Technologieentwicklungen etc. einen wichtigen Beitrag leisten. So können die Kolleginnen und Kollegen beispielsweise aus der Entwicklung oder dem Business & Application Development mal schnell ins Technology Center rübergehen, um vor Ort zu unterstützen, zu sehen, was passiert und neue Ideen entwickeln. Außerdem haben wir weitere TCs weltweit in Wuxi (China), Pune (Indien) und Waukesha (USA). So können wir diese Regionen ebenfalls sehr gut abdecken und es muss nicht jeder nach Tübingen kommen. Das TC in Tübingen ist sozusagen das Lead-TC. Wir sehen den digitalen Support als einen wichtigen Baustein unseres Angebotes. Wir können so kostbare Reisezeit vom Kunden und auch von uns einsparen und schonen gleichzeitig die Umwelt. Durch einen Live-Stream können größere Gruppen erreicht werden und sowohl auf Kundenseite als auch bei uns können bei Bedarf auch sehr kurzfristig mehrere Experten hinzugezogen werden.

Video, Messwertaufnehmer und Datenauswertungen mit der Comara-App liefern also bereits sämtliche Erkenntnisse für eine definitive Entscheidung?

Um eine Entscheidung treffen zu können, spielen viele Faktoren mit herein. Hier sind sowohl die erfassten Daten über Comara app-Com, als auch der Prozess als solches (prozesssichere Bearbeitung, Bearbeitungszeiten, etc.) sowie das Bearbeitungsergebnis (Bauteiloberfläche, Maßhaltigkeit) und auch der Werkzeugverschleiß in Betracht zu ziehen. Aber all das kann man live bereitstellen.

Remote Engineering: Der Ton gibt Aufschluss

Das klingt schon sehr gut. Aber fehlen Ihren Remote-Kunden meist doch noch die wichtigsten Entscheidungskriterien – das Gespür, Vibrationen und der Geräuschpegel an der Maschine? Oder decken ihre Systeme das auch schon ab?

Das ist richtig. Viele Technologen möchten natürlich spüren, was bei der Bearbeitung passiert. Die Vibrationen können wir nicht übertragen. Allerdings kann der Ton bei der Bearbeitung übertragen werden, der ebenfalls schon sehr viel Aufschluss über die Bearbeitung gibt.

Ich kann mir vorstellen, dass Kunden, die das erste Mal mit Walter zusammenarbeiten auf jeden Fall das Technology Center sehen und erleben wollen. Die Wiederholungstäter sind dagegen bestimmt schon den digitalen Weg bei Walter gewohnt …

Es ist richtig: Wer noch nie hier war, möchte das Technology Center unbedingt live erleben. Sei es nun zuerst live und dann digital oder anders herum. Aktuell ist ein Besuch vor Ort natürlich nicht möglich. Aber im letzten Jahr haben rund 3.800 Personen das TC besucht. In Form von Kundenbesuchen, Projektbesprechungen, Trainings und Schulungen, etc. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der Ort der Projektierung so wichtig ist, aber das Vertrauen in den Partner muss da sein.

Foto: Walter AG
Das Technology Center der Walter AG kann auch für Remote Engineering genutzt werden. Dennoch gilt: „Werkzeuge entwickeln wir hier vor Ort und natürlich dient auch das Technology Center als eine Testplattform“, erklärt Vikki Franke.

Wer ist eigentlich der größte Wiederholungstäter, der bis dato also die meisten Projekte im Technology Center absolviert hat?

Sie verstehen sicherlich, dass ich hier keine Namen nennen kann. Die Möglichkeiten werden von den verschiedensten Branchen genutzt, im Schwerpunkt aber aus den Bereichen Luftfahrt, Automobil und dem allgemeinen Maschinenbau.

Geht es beim Remote-Engineering eher um Bauteiloptimierung oder um Werkzeugentwicklung? Was ist besser remote zu machen?

In erster Linie geht es um die Ausarbeitung und die Optimierung von Bearbeitungsstrategien. Die Werkzeugentwicklung würde ich nicht unter den Begriff ‚Remote‘ fassen. Werkzeuge entwickeln wir hier vor Ort und natürlich dient auch das Technology Center als eine Testplattform hierfür.

„Ohne Remote Engineering wäre das alles viel zeit- und kostenintensiver“, betonen Sie, Frau Franke. Können Sie das beziffern? Wie viel Zeit und Kosten lassen sich im Durchschnitt pro Projekt einsparen, wenn mit Remote Engineering gearbeitet wird?

Die Einsparpotenziale hängen stark von der Art des Projektes ab. Wenn Sie nur allein an die Reisezeit und auch die gebundene Zeit der Personen denken, die an den Vor-Ort-Meetings teilnehmen, können Sie sich bereits vorstellen, wieviel hier eingespart werden kann. Weitere Einsparpotenziale sind natürlich die Kosten für die Reise. Außerdem haben wir so die Möglichkeit bei Bedarf unsere Experten spontan aus den verschiedenen Bereichen hinzuzuziehen, wenn kniffelige Fragestellungen auftauchen. Zum Beispiel wenn sich die Beschichtung des Werkzeuges nicht so verhält, wie wir es erwartet haben oder wenn durch geschickte Programmierung der Bearbeitungsstrategie noch die letzte Sekunde herausgeholt werden kann.

Das sind lukrative Einsparungspotenziale. Wie schätzen Sie die Zukunft ein: Werden wir schon bald nur noch Remote Engineering machen, auch wegen der Umwelt?

Ich denke nicht, dass man alle Themen mittels Remote Engineering bearbeiten kann, aber ich denke, dass es eine Möglichkeit ist, die wir noch viel mehr nutzen sollten. Hierdurch werden viele Ressourcen gespart und die Umwelt geschont. Persönlich halte ich aber auch das Thema Netzwerken für sehr wichtig und dies lässt sich nun mal nur bedingt ‚remote‘ machen. Das ist also eine der Begrenzungen.