Trotz 5% Exportrückgang sieht Gerhard Knienieder einige Impulse, die den deutschen Werkzeugherstellern auch neue Exportumsätze bringen können: wie etwa bleifreie Metalllegierungen oder das Hybrid-Additive-Manufacturing.

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Die Werkzeug-Trends 2020

Mit 5% Rückgang rechnet der VDMA-Fachverband Präzisionswerkzeuge bei den Zerspanwerkzeugen. Der Vorsitzende Gerhard Knienieder erklärt, warum aber höherwertige Werkzeuge im Trend liegen.

Gerhard Knienieder, Vorsitzender der Fachabteilung Gewindewerkzeuge, erklärte, warum die Auftragseingänge und Umsätze der Zerspanwerkzeuge 2019 nachgaben und unter den sehr starken Vorjahresvergleichswerten lagen. "Insgesamt gehen wir davon aus, das Jahr 2019 mit einen Absatzminus von 4 Prozent bei den Zerspanwerkzeugen abzuschließen", präzisierte Gerhard Knienieder während der Bilanz-Pressekonferenz die Schätzung des VDMA-Fachverbandes. Leider hätten sowohl das Inlands- als auch das Exportgeschäft mit Zerspanwerkzeugen die Erwartungen nicht erfüllen können.

Kleines Plus in den USA, großes Minus in China

Von den 10 größten Exportmärkten konnten nur in den USA und Polen leichte Zuwächse erreicht werden. Alle anderen Länder fragten weniger Zerspanwerkzeuge nach, erklärte Gerhard Knienieder. Die weiter gestiegene Nachfrage im größten Einzelmarkt USA wirkte sich zwar etwas stabilisierend aus, aber die um knapp 3 Prozent gestiegenen Exporte in die Vereinigten Staaten konnten den Rückgang der Lieferungen nach China nicht kompensieren. Leider schwächte sich die Nachfrage aus den USA im Jahresverlauf auch immer weiter ab und zeigte sich hierbei in den letzten erfassten drei Monaten mit minus 1 Prozent sogar leicht negativ. Besonders schmerzlich, so Gerhard Knienieder, ist die Entwicklung des zweiten großen Einzelmarktes – Die Volksrepublik China. Die Lieferungen nach China lagen kumuliert für die ersten 10 Monate um satte 13 Prozent unter den Exportwerten des Vorjahres. Eine Erholung ist bisher nicht zu erkennen. Die Rückgänge der Exporte in das Reich der Mitte schwächten sich in den letzten drei verbuchten Monaten August bis Oktober mit einem Minus von 7 Prozent aber immerhin etwas leichter ab. "Die weitere Entwicklung des Handelskonfliktes zwischen unseren beiden wichtigsten Märkten müssen wir in den nächsten Monaten besonders im Auge behalten. Ein Eintreten der sich abzeichnenden leichten Entspannung wäre sehr zu begrüßen", betont Gerhard Knienieder.

Nur Polen importierte mehr Werkzeuge

Die Bilanz des Exports in die europäischen Länder zeigte sich moderat schwächer. Hier sind die Lieferungen in die EU-28 Partnerländer um knapp 7 Prozent zurückgegangen. "Zuwächse in nennenswerter Größe verzeichneten wir hier nur in Polen." Alle anderen traditionell bedeutenden Kundenländer wie Italien, Frankreich, Österreich, Tschechien und Spanien lagen nach Angaben von Gerhard Knienieder zwischen sechs und neun Prozent im Minus. Es zeigt sich also eine europaweit relativ gleichförmige Nachfrageschwäche. Und auch die anderen Märkte, so Gerhard Knienieder, bestellten 2019 weniger Zerspanwerkzeuge. Indien enttäuschte hierbei mit einem Rückgang um 14 Prozent während die Exporte in die Schweiz und nach Russland nur leicht zurück gingen. Insgesamt sanken die deutschen Exporte von Zerspanwerkzeugen um 5 Prozent.

Medizintechnik und Luftfahrt legten leicht zu

Demgegenüber zeigte die Entwicklung des Geschäfts nach Kundenbranchen 2019 deutliche Unterschiede. Insbesondere in der Automobilindustrie, so Gerhard Knienieder, war die Zerspanwerkzeugbranche mit einer deutlichen Abschwächung konfrontiert. Auch im Maschinenbau gingen die Umsätze zurück - wenn auch etwas moderater als in der Automobilindustrie. Die Umsätze in den Branchen Medizintechnik und Luftfahrt legten dagegen leicht zu. Die Aussichten auf die zu erwartenden Umsätze für 2020 mit der Automobilindustrie wurden fast durchgängig als noch einmal deutlich schwächer beurteilt. Die Erwartungen an die Kundenbranche Maschinenbau trüben sich ebenfalls deutlich ein. Hier geht man überwiegend von deutlich schwächerem Geschäft aus. In der Medizin‐ und der Luftfahrtbranche wird hingegen ein konstantes oder leicht stärkeres Geschäft erwartet.

Düstere Erwartungen und -5%. Lichtblick USA

Die Erwartung an den deutschen Markt ist für 2020 düster. Eine deutliche Mehrheit der Unternehmen erwarten einen weiteren kräftigen Rückgang. Die EU, USA und China werden ebenfalls schwächer gesehen, aber nur mit leichten Rückgängen. Die USA ist der einzige Markt, dem zumindest ein nennenswerter Anteil der befragten Unternehmen auch eine leichte Steigerung zutraut. Ein deutliches Wachstum wird 2020 aber leider in keinem Markt erwartet. "Für 2020 rechnen wir insgesamt mit einem Absatzrückgang um 5 Prozent", beziffert Gerhard Knienieder das Szenario.

Instrumente: flexible Zeitkonten und Kurzarbeit

Indes sei die Zeit der übervollen Arbeitszeitkonten bereits 2019 zu Ende gegangen. Nur noch jedes fünfte Unternehmen agiert mit normalen Arbeitszeiten, berichtet Gerhard Knienieder. Aktuell sei das Instrument der Stunde die Rückführung von Arbeitszeitkonten. Aber einige Unternehmen mussten auch schon Ende 2019 mit Kurzarbeit operieren. Aufgrund der anhaltenden Nachfrageschwäche dürfte das Instrument flexibler Zeitkonten vielfach nicht mehr ausreichen und es sei in den kommenden Monaten mit einer erheblichen Ausweitung der Kurzarbeit zu rechnen. Ein erheblicher Anteil der Branche, so Gerhard Knienieder, geht auch davon aus, seinen Personalbestand zumindest leicht reduzieren zu müssen.

Neue Umsatzchancen sieht Gerhard Knienieder auch in der Automatisierung. Dafür benötigt man in der Metallbearbeitung höherwertige Werkzeuge, die ihrem digitalen Zwilling bis ins Detail entsprechen und manuelle Anpassungen entbehrlich machen. "Dies ist gerade für uns deutsche Hersteller gut, weil wir uns auf Hightech-Werkzeuge spezialisiert haben und das auf positive Erfahrung aufgebaute Vertrauen der Kunden weltweit genießen. Auch profitieren wir am deutschen Standort durch unsere langjährige Vernetzung mit den wichtigen Kundenbranchen Werkzeugmaschinen und vor allem Automobilindustrie, die Treiber dieser Entwicklung sind."

Neue Materialien: ohne Blei, aber zum Hybrid-Additive Manufacturing

Nach Einschätzung von Gerhard Knienieder sind bleifreie Metalllegierungen – auch dank der EU- Chemikalienverordnung REACH – auf dem Vormarsch. Dass Blei in vielen Legierungen vorkommt, liegt daran, dass diese erst dadurch mit herkömmlichen Werkzeugen bearbeitbar gemacht werden. "Fällt das Blei weg, benötigt man wesentlich härtere Schneiden", erklärt Gerhard Knienieder. Zunehmend würden auch die neuen Möglichkeiten der additiven Fertigung Einzug in der Werkzeugbranche halten. Einerseits seien durch diese Methode neue Werkzeuggeometrien möglich, die beispielsweise Leichtbau oder bessere Kühlmittelzuführung ermöglichen. Andererseits erfordern die additiv hergestellten Bauteile neue Werkzeuggeometrien und vor allem neue Bearbeitungsstrategien, wie z.B. beim Hybrid-Additive Manufacturing, bei dem nach dem Laserschmelzen im Pulverbett mit Dreiachsen-Hochgeschwindigkeitsfräsen das Bauteil bearbeitet wird.

Mobilitätswende fordert neue Werkzeugtechnologien

"Bekanntlich befindet sich unsere wichtige Kundengruppe KFZ-Industrie im Wandel. Viel Innovationskraft wird bereits in die Entwicklung von Aggregaten rund um den Elektroantrieb investiert", erklärt Gerhard Knienieder. Die neuen Anforderungen dieser Antriebe (z.B. Geräuschreduzierung durch noch höhere Genauigkeiten) bieten wiederum Entwicklungsfelder für unsere Spann- und Zerspanungswerkzeuge. Klar ersichtlich ist jedoch, dass die E-Antriebe weniger Zerspanungsvolumen erfordern als die Verbrennungsmotoren. Nicht zu vernachlässigen seien andere, neue Komponenten in zukünftigen Fahrzeugen, unabhängig von der Antriebsart: die elektromechanischen Bauteile, wie z.B. Lenkachse. Diese Bauteile erfordern ebenso neue Werkzeugtechnologien. Klar ist aber, sie werden nach heutigen Maßstäben das wegfallende Volumen nicht kompensieren können.

Impulse von Metav, AMB, GTDE und 34193

Unterdessen erwartet Gerhard Knienieder Impulse von den 2020 anstehenden Veranstaltungen rund um die Präzisionswerkzeuge. In chronologischer Abfolge sind in diesem Jahr für die Zerspanung insbesondere zwei Messe in Deutschland zu erwähnen: Zum einen lädt Gerhard Knienieder auf die Metav in Düsseldorf ein vom 10. bis 13. März. Dort ist sowohl der VDMA Präzisionswerkzeuge mit einem Gemeinschaftstand vertreten, zu dem sich fünf Mitglieder angemeldet haben, als auch Emuge-Franken, das Unternehmen des Geschäftsführers Gerhard Knienieder. "Außerdem freuen wir uns auf die AMB, die vom 15. bis 19. September in Stuttgart sattfindet. Dort informiert der VDMA wieder mit einem Forum über technische Highlights und Lösungen aus der Mitgliedschaft und der Forschung an seinem Stand." Unterdessen findet die GTDE-Tagung dieses Jahr am 25. März bei der Walter AG in Tübingen statt.

Und zu allerletzt verweist Gerhard Knienieder auf eine Veröffentlichung, das VDMA-Einheitsblatts 34193: Serialisierung/Kennzeichnung von Werkzeugen und Werkzeugspannmitteln. "Dieses legt eine einheitliche, maschinenlesbare Kennzeichnung für Werkzeuge und Werkzeugspannmittel fest und hilft damit die Automatisierung voranzutreiben. Dazu werden eine eindeutige Identifikationsstruktur, Codearten, -formate, -größen und -positionen empfohlen, die geeignet sind, Komponenten eineindeutig zu identifizieren."

Warum Präzisionswerkzeuge 2020 attraktiv sind und bleiben, erklärt übrigens der Fachverbands-Vorsitzende Andreas Zecha hier.

Warum Spannzeuge vom Brexit profitieren, erklärt der Vorsitzende Peter Tausend hier.