Foto: Walter

Präzisionswerkzeuge

Die Forschungsfabrik für produktive Prozesse

Walter hat seine Fräser-Generation Xtratec-XT vorgestellt. Noch Produktiver und sicherer sollen Prozesse dank der Smart Factory in Tübingen werden.

von Harald Klieber Richtig stolz auf sein Technology Center ist der Werkzeughersteller Walter. Mit Recht: Seit der Einweihung vor zwei Jahren haben sich mittlerweile schon über 3.000 Besucher die digitale Werkzeugschmiede von Walter in Tübingen angesehen und genutzt. „Die beste Entscheidung in der Firmengeschichte“ nannte der Vorstandsvorsitzende Mirko Merlo schon im Februar dieses Jahres in NCFertigung 2-2018 die Investition Technology Center. Großes Plus gegenüber Technology Centern anderer Hersteller sei vor allem die gelebte Engineering Kompetenz: „Diese strukturierte und gezielte Neu- und Weiterentwicklung von Zerspanungsprozessen ist nicht nur unsere Vision, sondern hier in der Smart Factory gelebter Alltag.“ Diesen Mehrwert, so Mirko Merlo, erleben und begreifen die Leute erst, wenn sie vor Ort sind. Die große Kunst sei allerdings dabei, aus den Daten, die aus der digitalen Analyse von Zerspanungsprozessen gewonnen werden, die richtigen Schlüsse zur Optimierung des Prozesses zu ziehen. „Das machen unsere Experten zusammen mit den Kunden. Denn heute erwarten Kunden mehr, als ein gutes Produkt zum fairen Preis. Die Kunden wollen die wirtschaftlich sinnvollste Lösung für ihren Zerspanungsprozess. Und dafür ist die Smart Factory ideal“, betont Mirko Merlo. Der zweite große Pluspunkt bei Walter sei eben die riesige Engineering Kompetenz, versichert Mirko Merlo: Deutsche Wurzeln und 400 Jahre Zerspanungserfahrung im Unternehmen würden derzeit rund 15.000 Kunden in 80 Ländern optimal unterstützen. „Bei Walter braucht man nicht über Qualität, Zuverlässigkeit und Leistung zu reden, das ist unsere DNA“, erklärt Mirko Merlo. In Zahlen seien das über 3.500 Mitarbeiter, 45.000 Standardprodukte, 25% des Umsatzes mit Sonderwerkzeugen und 2.500 neue Produkte pro Jahr.

Zerspanungsprozess auslegen − nur mit digitaler Analyse

Wichtig seien heute aber nicht mehr nur die Produkte, sondern nach Erfahrung von Mirko Merlo die Prozessfokussierung, Komplettbearbeitung und Digitalisierung. „Heute reden wir von digitalen Prozessen. Voll im Trend liegt die Komplettbearbeitung von Bauteilen. Und viele Kunden sehen Werkzeuge nicht mehr als ihre Kernkompetenz an. Das heißt: Der Werkzeughersteller muss den Zerspanungsprozess auslegen. Effizient wäre das ohne digitale Analyse heute nicht mehr möglich.“ Walter, so Mirko Merlo, ist dafür heute perfekt aufgestellt, hat jahrelange Erfahrung im Toolmanagement und in der Prozessgestaltung und verfügt heute schon mit der Smart Factory über die nötigen Softwaretools, um den Prozess digital effizient abbilden und optimieren zu können. Entscheidend sei das besonders im gegenwärtigen Umbruch der Automobilindustrie: im Umstieg vom Verbrennungsmotor auf den Elektromotor. „Es geht um kleinere Motoren, letztlich um engere Toleranzen und damit um präzisere Werkzeuge und die beste Lösung für neue Werkstoffe.“ Die Additive Fertigung wird dabei nach Einschätzung von Mirko Merlo noch keine entscheidenden Aufgaben übernehmen können. „Die Zeit für die Additive Fertigung ist noch nicht gekommen. Wir schätzen das Marktpotenzial, das Additiv in der Zerspanung übernehmen kann, derzeit auf rund 1 bis 2% ein.“ Dass Additiv derzeit noch keine Option in der Fertigung ist, liegt nach Angaben von Mirko Merlo weniger an der technologischen Machbarkeit, sondern hauptsächlich noch an den Kosten. Denn nach wie vor seien klassische Fertigungsmethoden unschlagbar, wenn es darum geht, Serienteile in größeren Losgrößen herzustellen – von der Massenfertigung gar nicht zu reden.

Technology Center statt große Fake-Show Industrie 4.0

Mirko Merlo sieht die Zukunft aber auch nicht in der reinen klassischen Fertigungstechnik und schon gar nicht in klassischen Entwicklungsmethoden: „Wer heute produzieren will, braucht eine ganze Menge Software. Damit bewegt sich vieles mehr und mehr außerhalb der klassischen Kernkompetenz von Werkzeugherstellern.“ Nicht nur Werkzeugdaten müssten laut Mirko Merlo elektronisch verfügbar sein. Walter würde diese Daten seit Jahren liefern. Das sei aber nur ein kleiner Baustein. „Industrie 4.0 scheitert in den Unternehmen oft ganz einfach an der Umsetzung. Meist an kleinen Dingen, so dass man eigentlich oft von der großen Fake-Show Industrie 4.0 sprechen muss.“ Mittlerweile sei schon vieles möglich im Sinne der Digitalisierung: Produkte und Dienstleistungen könnten schnell und einfach gefunden, gekauft und genutzt werden. „Für viele Kunden ist oft noch nicht klar, was unter Industrie 4.0 konkret für den eigenen Betrieb zu verstehen ist. Da kommt Walter ins Spiel, um mit dem Kunden gemeinsam eine Lösung zu entwickeln – von der Simulation bis zum fertigen Bauteil. Es ist schon vieles digitalisiert. Man muss es nur mal ausprobieren. Deshalb hat Walter mit dem Technology Center einen riesigen Schritt in Richtung Digitalisierung gemacht. Ziel ist, mit der Smart Factory die Digitalisierung tatsächlich greifbar zu machen.“

Eine Forschungsfabrik, die Prozesse produktiver macht

„Viel Entwicklungsarbeit läuft heute schon mit dem Kunden auf Softwarebasis. Dazu sind Mitarbeiter nötig, die technologisch und wirtschaftlich denken, eine andere Kultur der Entwicklung. Den logischen Schluss daraus sehen Sie in der Smart Factory. Die Smart Factory ist für uns eine Forschungsfabrik.“ Aber auch dort, so Mirko Merlo, dreht sich alles um die Frage: Wie mache ich die Prozesse produktiver? Als nächste naheliegende Schritte sieht auch der Vorstandsvorsitzende die Digitalisierung und Automatisierung. Nächste Schritte seien, 5G oder die Vision, Know-how über offene Plattformen anbieten und Bauteile in Minuten und Sekunden simulieren zu können.

Auffällig: Xtratec-XT-Platten stabilisiert und mit mehr Auflagefläche

In Summe werden mehr Produktivität und Prozesssicherheit auch weiterhin die treibenden Kräfte für die Prozessoptimierung und damit auch für neue Werkzeuge sein. Deshalb stellte Walter zur AMB auch Xtratec XT, die nächste Generation seiner Fräswerkzeuge vor. XT steht dabei für Xtended Technology. Vom Vorgänger Xtratec unterscheidet sie nach Angaben von Produktmanagerin Nicole Howind deutlich mehr als nur die schwarze Optik. Tatsächlich handelt es sich um eine komplett neue Fräser-Generation. Diese bringt Walter zunächst mit Eckfräsern sowie einem Planfräser auf den Markt – für nahezu alle Anforderungen im Eck- und Planfräsen, in allen gängigen Werkstoffgruppen. Auffälligstes Konstruktionsmerkmal der neuen Eckfräswerkzeuge M5130 ist die Einbaulage der Wendeschneidplatten: stärker geneigt und mit größerer Auflagefläche.

Deutlich mehr Leistung

„Wir sprechen hier von nur noch 7 statt 15° Freiwinkel, stabileren Wendeschneidplatten und Fräs-körpern mit 34% mehr Auflagefläche. Durch die radial negative Einbaulage konnten wir die Zähnezahlen erhöhen. Beispielsweise wurde die Schneidenzahl eines Fräsers mit Durchmesser 63 mm von sechs auf sieben erhöht. Dies entspricht einer Steigerung von 17% und ermöglicht damit deutlich mehr Leistung und Produktivität“, erklärt Nicole Howind die handfesten Vorteile der Neuentwicklung. Die Flächenpressung im Sitz wird verringert und die Stabilität erhöht. Der 12% größere Querschnitt um die Schraubenbohrung stabilisiert die Wendeschneidplatte und die − nun möglichen − längeren Schrauben erhöhen die Spannsicherheit. Auch der Fräskörper wird stabiler, denn er weist einen um 40% stabileren Zahnrücken hinter dem Plattensitz auf. Die präzise 90°-Form der Eckfräser hilft, zusätzliche Schlichtoperationen zu reduzieren. Besser zugängliche Spannschrauben optimieren das Handling und tragen zur Vermeidung von Montagefehlern bei.

Kleine Wendeschneidplatten für kleinere Aufmaße

Eine weitere Neuerung sind die kleineren Wendeschneidplatten, mit denen die Fräser bestückt werden können. Sie zahlen auf den gegenwärtigen Trend zu kleineren Aufmaßen ein. Beim Planfräser M5009 gilt dies doppelt: Denn er verbindet kleine Schnitttiefen mit den Vorteilen der doppelseitigen Walter-Tigertec-Wendeschneidplatten. Diese weisen acht nutzbare Schneidkanten auf. Dadurch sowie durch teilweise entfallende Schlichtoperationen erhöht der M5009 die Wirtschaftlichkeit.

Als Einsatzbereiche nennt Nicole Howind für die kleinen und großen Wendeschneidplatten nahezu alle gängigen ISO-Materialien. „Die Eckfräser können sowohl zum Schlichten wie auch zum Schruppen eingesetzt werden mit Zustellungen von ap 5 bis 15 mm. Ebenso reduziert sich die Nacharbeit, weil die Xtratec-XT-Eckfräser schon sehr perfekte 90°-Schultern fräsen.“

cd

Bearbeitungszentren

Effiziente Turbinenproduktion

Neue Fertigungslösungen für die Turbinenproduktion stellten Starrag und Walter auf den Turbine Technology Days vor. Das Zusammenspiel von Maschinen- und Werkzeughersteller fand dabei großen Anklang.

Präzisionswerkzeuge

In 6 Schritten zum besseren Prozess

Für die Zerspanung von morgen entwickeln, testen, zeigen. Das ist der Auftrag der Smart Factory. Der Werkzeughersteller Walter AG erklärt, was damit machbar ist.

Präzisionswerkzeuge

"Die beste Entscheidung in der Firmengeschichte"

Viel Geld hat die Walter AG in die Smart Factory investiert. Der Vorstandsvorsitzende Mirko Merlo zieht nach fast zwei Jahren Bilanz über das einmalige Technologiecenter.

Unternehmen

Der duale Schritt in die Smart Factory

Der Tübinger Werkzeughersteller Walter AG bietet das duale Wirtschaftsinformatikstudium als Schnittstelle zwischen IT und Industrie an. Es geht aber auch Maschinenbau.